23.04.2021 UNESCO-Welttag des Buches

Historische Druckwerke im Stadtarchiv Neuss

Reimchronik Wierstraat 1564

1995 erklärte die UNESCO den 23. April zum „Welttag des Buches“, dem weltweiten Feiertag für das Lesen, für Bücher und die Rechte der Autoren. Die UN-Organisation für Kultur und Bildung hat sich dabei von dem katalanischen Brauch inspirieren lassen, zum Namenstag des Volksheiligen St. Georg Rosen und Bücher zu verschenken. Über diesen Brauch hinaus hat der 23. April auch aus einem weiteren Grund besondere Bedeutung: Er ist der Todestag von William Shakespeare und Miguel de Cervantes.

 

 

Das Stadtarchiv Neuss verfügt über eine eigene stadtgeschichtliche Spezialbibliothek, deren Anfänge bis auf den 1877 gegründeten Altertumsverein zurückgehen. Der stetig wachsende Bestand umfasst etwa 20.000 Medieneinheiten, jährlich kommen ca. 200 weitere über Ankäufe, Schenkungen, Schriftentausch und Belegexemplare hinzu. Die Archivbibliothek beherbergt neben Monographien, Nachschlagewerken, Jahrbüchern und grauer Literatur auch zahlreiche Historische Druckwerke aus dem 16. bis 18. Jahrhundert. Ein paar dieser raren Sonderstücke möchten wir Ihnen anlässlich des Welttages des Buches präsentieren.

 


Das christliche Früh- und Hochmittelalter war eine mündlich geprägte Welt, in der das Schreiben und Lesen vor allem den Geistlichen und Adligen vorbehalten war. Da die führende Amts- und Gelehrtensprache dieser Gruppen Latein war, wurden viele Schriften in lateinischer Sprache verfasst. Verbreiteter war allerdings die erzählende Weitergabe von Informationen beispielsweise über Geschichten, Lieder oder Traditionen. Die Schrift wurde in dieser Zeit als eine Fortführung der Sprache verstanden und steht in enger Verbindung zur Mündlichkeit.
Wer die Fähigkeit besaß, lesen und schreiben zu können, beherrschte die litterae – die Buchstaben. Der Begriff litterae gewann jedoch bereits in der Antike eigene Bedeutungen – unter anderem als Geschriebenes oder Dokumente. Das uns heute bekannte Wort Literatur hat sich erst in der Frühmoderne entwickelt.

 

 

1. Inkunabeln

 

 

Abb. 1 Ebrorum sancti Augustini episcopi basilee impressoru preuia annotatio – Die Schriften des Heiligen Augustinus, Bischof von Basel

Abb. 02:
Ebrorum sancti Augustini episcopi basilee impressoru preuia annotatio
Die Schriften des Heiligen Augustinus, Bischof von Basel; StAN D-Bestand, Nr. 2191 


Das älteste Druckwerk im Stadtarchiv Neuss ist die oben abgebildete Inkunabel aus dem Jahr 1470. Entstanden rund 20 Jahre nach Erfindung des Gutenberg-Drucks.

Als Inkunabel (lat. Incunabula) oder Wiegendrucke werden Druckwerke bezeichnet, die vor dem Jahre 1500 hergestellt wurden und als frühste Erzeugnisse des Buchdrucks gelten. Aufgrund ihres Druckprozesses werden sie auch als Einblattdrucke bezeichnet.

Bei diesem Band handelt es sich um einen Kodex mit einem für die Zeit typischen Holzdeckeleinband überzogen mit weißem Schweinsleder.

 

Abb. 2 Ebrorum sancti Augustini episcopi basilee impressoru preuia annotatio – Die Schriften des Heiligen Augustinus, Bischof von Basel - Vorderdeckel

Abb. 03: Ebrorum sancti Augustini episcopi basilee impressoru preuia annotatio - Vorderdeckel; StAN D-Bestand, Nr. 2191

 

Der Vorderdeckel der Inkunabel ist mit Streicheisenlinien und Schließen aus Metall am Vordereinschnitt sowie Reste einer Kettenbefestigung auf der Rückseite verziert.


Im 15. Jahrhundert waren Druckwerke Kostbarkeiten und meist in Universitäts- und Klosterbibliotheken zu finden. Um die wertvollen Bände vor Diebstahl oder Herabfallen zu schützen, wurden sie oft mit einer schweren Kette am Pult bzw. Bücherregal befestigt.

 

Abb. 3 Handweiser

Abb. 04: Handweiser im Ebrorums ancti Augustini episcopi basilee impressoru preuia annotatio; StAN D-Bestand, Nr. 2191 

 

Mit sogenannten Handweisern markierten die Eigentümer*innen oder Leser*innen wichtige Textstellen.

 

 

2. Postinkunabel

 

 

Commetaria preclarissima J.U. cesure doct. Subtilimi D. Felini Sadei Ferrariensis sacri palaty apostolici auditoris – Berühmte Erläuterung des Doctors D. Felinus Sadeus aus Ferrara, kaiserlich-päpstlichen Richters, 1504
Abb. 05:
Commetaria preclarissima J.U. cesure doct. Subtilimi D. Felini Sadei Ferrariensis sacri palaty apostolici auditoris – Berühmte Erläuterung des Doctors D. Felinus Sadeus aus Ferrara, kaiserlich-päpstlichen Richters, 1504; Verweis: D-Bestand Nr. 2532

 

Postinkunabeln sind Buchdruckwerke aus dem frühen 16. Jahrhundert. Dieses Exemplar aus dem Stadtarchiv Neuss besteht aus einem Halbledereinband, mit einem Holzdeckel aus Buchenholz und braunem Kalbsleder als Rückenbezug.

 

Heftung: Erhabene Doppelbünde aus geschlitzten Lederstreifen, die im Deckel verflockt wurden und ein eingebranntes Tatzenkreuz am Vorderschnitt.

 

 

3. Wierstraet - Chronik

 

 

Drei Ausgaben der Reimchronik von Christian Wierstraet, v.l.n.r 1. In Pergament gebundene Ausgabe aus dem Jahr 1564 2. Ausgabe aus dem Jahr 1565 neu gebunden in den 1960/1970er Jahre 3. 2. Auflage aus dem Jahr 1497 neu gebunden in den 1960/1970er Jahre
Abb. 06:

Drei Ausgaben der Reimchronik von Christian Wierstraet, v.l.n.r: in Pergament gebundene Ausgabe aus dem Jahr 1564, Ausgabe aus dem Jahr 1565 - neu gebunden in den 1960/1970er Jahre und 2. Auflage aus dem Jahr 1497 - neu gebunden in den 1960/1970er Jahre

 

Cristianus Wyerstraissz oder Wierstraet - wie er sich in seinen literarischen Werken nannte - verfasste knapp ein halbes Jahr nach dem Ende der Belagerung der Stadt Neuss durch Karl den Kühnen, Herzog von Burgund, 1474/75 die Reimchronik über die Geschehnisse dieser für Neuss so entbehrungsreichen Zeit.

Wierstraet war von Beginn bis zum Ende der Belagerung mit in der Stadt eingeschlossen. In Neuss war er als Notar- und Stadtschreiber (Archivar) tätig und war mit einer kaiserlichen Vollmacht ausgestattet.

Die Originalausgabe der Chronik von 1476 befindet sich übrigens in der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf und ist als Elektronische Ressource online einsehbar.

 

Im 15. Jahrhundert war es üblich sich als Urheber eines Werkes indirekt auszuweisen und zwar in Form eines Akrostichon.

Ein Akrostichon ist eine poetische Form bei der Anfangsbuchstaben oder Wörter im Zusammenhang gelesen ein Wort oder Namen ergeben.

Hier sieht man auf der ersten Seite der Reimchronik Wierstraets seinen Vornamen Cristianus….

 

2. Auflage der Reimchronik, 1497
Abb. 07: 2. Auflage der Reimchronik, 1497

 

...auf der vierten Seite folgt sein Familienname Wierstraat….

 

2. Auflage der Reimchronik, 1497
Abb. 08: 2. Auflage der Reimchronik, 1497

 

 

Reimchronik in Pergamenteinband 1564
Abb. 09: Reimchronik in Pergamenteinband 1564

 

In der oben abgebildeten Ausgabe von 1564 wurde der zusätzliche Vermerk notiert:

Warhaftige Historia du Beschreibung der harten und strenglichen und Langwirigen Belegerung der Löblichen Stadt Neuß, geschehen durch Hertzog Karolen von Burgundien und Braband im Jahre 1474

Jetzo auffs new fleiszig in rein gebracht und getruckt zu Cölln, 1564

 

 

2 Auflage der Reimchronik, 1497
Abb. 10: 2 Auflage der Reimchronik, 1497

 

In diesem Exemplar ist die linke Seite in Kunststoff laminiert.

Archiv- und Bibliotheksgut wurde in den 1960er/1970er Jahre als konservatorische Maßnahme in Kunststofffolie laminiert. Diese Technik kam bei stark beschädigten Materialien zum Einsatz, um sie vor weiteren Schäden oder gar Zerfall zu bewahren. Aus heutiger konservatorischer Sicht wäre die Laminierung häufig nicht notwendig gewesen, manchmal ist sie sogar eher schädlich.

 

Reimchronik, 2. Auflage 1497
Abb. 11: Auszug aus der Reimchronik in Pergamenteinband, 1564

 

 

Reimchronik, 2. Auflage 1497
Abb. 12: Auszug aus der Reimchronik mit Federzeichnungen, 2. Auflage 1497

 

 

Wierstrat
Abb. 13: Auszug aus der Reimchronik mit Handweiser, 2. Auflage 1497

 

 

4. Kurköln

 

 

Zwei Kurkölnische Drucke aus der Zeit des Truchsessischen Krieges
Abb. 14: Zwei Kurkölnische Drucke aus der Zeit des Truchsessischen Krieges

 

Ausschreiben und gründlicher warhaffter Bericht unser Gebhardts von Gottes Gnaden erwehlten und bestetigten Ertzbischoffs zu Cölln des Heiligen römischen Reiches 1583

 

Gebhard Truchseß von Waldburg war von 1577-1583 Kurfürst und Erzbischof von Köln. Am 19.12.1582 sagte er sich öffentlich von der katholischen Kirche los. Er trat zur reformierten Religion über, proklamierte die Geleichberechtigung der beiden Konfessionen und die „Freistellung“ der Domherren. Nach seiner Heirat mit der Stiftsdame Agnes von Mansfeld wurde Gebhard von Papst exkommuniziert. Der Entsetzung des Ernst von Bayern zum Gegen-Erzbischof folgte der Truchsessische Krieg der bis 1889 anhielt.

 

 

Sonderstück in der Archivbibliothek
Abb. 15: Sonderstück in der Archivbibliothek

Im vorliegenden Band waren Schadinsekten am Werk. Von der ersten bis zur letzten Seite haben sich die Insekten durch den Buchblock durchgearbeitet. Klicken sie auf das Bild um einen genaueren Blick auf den Fraßkanal des Bücherwurms zu erhalten.

 

 

5. Werke aus dem Neusser Oberkloster

 

 

Zwei Ausgaben der Rechtfertigungsschrift der Augustinerchorherren oder auch Regularherrn des Oberklosters Neuss aus dem Jahre 1624 – deutsch und lateinisch
Abb. 16:
Zwei Ausgaben der Rechtfertigungsschrift der Augustinerchorherren oder auch Regularherrn des Oberklosters Neuss aus dem Jahre 1624 – deutsch und lateinisch; links: Originaleinband, eingebunden in marmoriertem Leder, rechts: moderner Einband ca. 1970/1980

 

Das 1181 gegründete Oberkloster lag südlich der Stadt vor dem Obertor, eine Genossenschaft der Augustinerchorherren oder auch Regularherren, die sich nach der Regel des heiligen Augustinus zusammenschlossen und während des Truchsessischen Krieges 1583 zerstört wurde. Grund war, dass das Oberkloster nicht mehr als Stützpunkt im Falle eines feindlichen Angriffes wie 1474/75 während des burgundischen Krieges dienen sollte. Daraufhin hatten die Regularherren Neuss zunächst verlassen, erhielten jedoch von Prior Werner Breuer die Weisung, nach Neuss zurückzukehren.

 

Extractus diversarum extinctionum proximis 30 annis circa monasterium B. Mariae Virgins ordinis regularium Novensium attentatarum, Düsseldorf, 1624  - Titelseite
Abb. 17:
Extractus diversarum extinctionum proximis 30 annis circa monasterium B. Mariae Virgins ordinis regularium Novensium attentatarum, Düsseldorf, 1624  - Titelseite

 

Da die Rückkehr zum Oberkloster jedoch nicht möglich war, richteten sie ihren Konvent wieder an der Brückstraße ein. Aufgrund falscher Anschuldigungen ließ Papst Gregor XV das Kloster 1623 auflösen. Die Regularherren sollten nach Köln ins Kloster Herren-Leichnam übersiedeln. Kirche und Kloster wurde den nach Neuss berufenen Franziskaner überwiesen. Die Regularherren dementierten die Anschuldigungen und wollten das Konvent nicht verlassen. Daraufhin wurden sie mit Gewalt aus dem Kloster entfernt.

 

    
Abb. 18 & 19:
Auszüge aus der Rechtfertigungsschrift von 1624, S. 52/53[…] per falsissima narrata […]“.nachdem die  Mawren  durchbrochen, die Thüren, Choren, Kammern, Zellen, Kirchen, und Kasten auffgeschlagen, alle Mobilien, und Essens notturfft an Fleisch, Getreydt und Gedränck underzogen, hingegen gemelte Conventuales gantz betrübt, trostloß, von aller Welt verlassen, verspreitet, ohne Mitteln und Lebens Notturfft, quasi Exules et Extorres, verweichen müssen….

 

Sie erhoben Einspruch gegen die Anschuldigungen und forderten eine neue Untersuchung an. Der Rechtsgelehrte Werner Tummermuth legte 1624 seine für Papst Urban VIII. Rechtfertigungsschrift nieder. Am 7. Januar 1628 wurden die Regularherren von den Anschuldigungen freigesprochen und erhielten ihr Konvent an der Brückstraße Neuss wieder zurück.

 

Rechtfertigungsschrift 1624. Originaleinband, eingebunden in marmoriertem Leder
Abb. 20:
Auszug aus der Rechtfertigungsschrift 1624. Originaleinband, eingebunden in marmoriertem Leder

 

 

6. ExLibris

 

 

Exlibris
Abb. 21: ExLibris von Joh. Jacob Schiefter 1818; für Detailansicht: Bild anklicken.

 

Ein ExLibris galt ab dem 15. Jahrhundert als Eigentumsnachweis. Hierbei handelt es sich um eine Signierung in Form einer Wunschgraphik des Bucheigentümers. Neben der Graphik kann ein personalisierter Text hinzugefügt werden. Die Geschichte von ExLibris geht zurück bis zum Gutenberg Druck. Bereits Ende des 15. Jh. wurden Zettel mit Kupferstichen, vor allem mit Wappen, in Bücher beigelegt oder eingeklebt. Exlibris mit Wappen waren bis ins 17 Jh. beliebte Graphiken.
Das oben abgebildete ExLibris zeichnet Joh. Jacob Schiefter als Eigentümer des vorliegenden Buches aus:

 

Chronik
Abb. 22:
Brandt, Martin Hermann: Chronica Oder Beschreibung Der Chur-Cöllnischen Haupt-Stadt Neuss, Neuss 1739 - Titelseite

 

Es handelt sich um die Chronica Oder Beschreibung Der Chur-Cöllnischen Haupt-Stadt Neuss von Martin Hermann Brandt. Die von einem Kanoniker am Quirinusstift bereits 1670 veröffentlichte Chronik wurde 1739 vom ersten nachgewiesenen Buchdrucker in Neuss, Johann Christoph Strobel nachgedruckt. Sie dokumentiert Ereignisse in der Stadt Neuss, unter anderem die Belagerung von Neuss 1474/75, die Entstehung des Oberklosters und vieles mehr…

 

Chronik
Abb. 23:
Die Seiten dieses Exemplares wurde in Kunststoff laminiert, allerdings nicht als konservatorische Maßnahme, sondern rein zur Prophylaxe, um vermeintlich Schäden zu vermeiden.

 

 

 

 

Verweise - Einleitung:

https://www.welttag-des-buches.de/

Jakobi-Mirwald, Christine: Das mittelalterliche Buch. Funktion und Ausstattung. Stuttgart: Reclam, 2004, S.60-66
Haebler, Konrad: Handbuch der Inkunabelkunde (Nachdruck der Ausgabe von 1925). Stuttgart: Hiersemann 1979, S. 1-5

 

Verweise - Wierstraet:

Janssens, Marcus: Delaminierung von gefährdeten Hadernpapieren des 16. Jahrhunderts, in Novaesium 2013, S. 195-208.

Kolb, Herbert: Christian Wierstraet. Wächter über eine bedrohte Stadt, in Neusser Jahrbuch 1985, S. 54-57.

Brockhaus Enzyklopädie, Erster Band, Wiesbaden, 1966

Wierstraet, Christian: Die Geschichte der Belagerung von Neuss. Faksimilie der Erstausgabe bei Arnold ther Hoernen, Köln 1476. Übertragung und Einleitung von Herbert Kolb, Neuss 1974.

 

Verweis - Kurköln:

Gebhard Truchseß von Waldburg ; aus: Neue Deutsche Biographie, 1964

 

Verweise - Oberkloster:

Gilliam, Helmut: Die Gründung des Neusser Oberklosters im Jahre 1181, in: Almanach für den Kreis Neuss 1981, Neuss 1981

Remmen, Karl: Das Oberkloster „extra muros“, in: Die Klosterlandschaften im mittelalterlichen Stadtraum Neuss, Köln 2005 (Libelli Rhenani, Band 13)

Tücking, Karl: Geschichte der Stadt Neuss, Schwann, Neuss [u.a] 1891

Wisplinghof: Geschichte der Stadt Neuss. Teil 4: Das kirchliche Neuss bis 1814, S. 120-153 Neuss 1989 (Schriftenreihe des Stadtarchivs Neuss, Band 10.4)

 

Verweise - Exlibris:

Janssens, Marcus: Delaminierung von gefährdeten Hadernpapieren des 16. Jahrhunderts, in Novaesium 2013, S. 195-208.

https://www.exlibris-deg.de/ueber-das-exlibris/ (16.04.2021)

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